Die Opfer

  1. Was ist sexueller Missbrauch?
  2. Wie viele Kinder und Jugendliche werden sexuell missbraucht
  3. Seelische Verletzungen und Reaktionen der Kinder
  4. Sexueller Missbrauch durch das Internet


1. Was ist sexueller Missbrauch

Kennzeichnend für sexuellen Missbrauch oder sexuelle Gewalt ist ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer, wobei der Täter seine Autoritätsstellung oder Vertrauensposition ausnutzt, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten der abhängigen Person zu befriedigen. Sexueller Missbrauch ist somit Missbrauch von Macht in Erziehungs-, Betreuungs- und Ausbildungsverhältnissen oder auch von Machtungleichheiten bei Geschlechtern.

Sexuellen Missbrauch müssen leider viele Kinder – Mädchen wie Jungen – aller Altersgruppen erleben. Für Kinder haben sexuelle Übergriffe schwerwiegende Folgen für Körper und Seele. Sexuell motivierte Handlungen von Erwachsenen an Kindern gehören zu den schlimmsten Formen der Kindesmisshandlung. Elterliche Zärtlichkeit hat mit sexuellem Missbrauch nichts zu tun; die Grenzen, die die Kinder hier setzen, sollten Eltern aber ernst nehmen und respektieren.
Sexuelle Gewalt gibt es in jeder sozialen Schicht, unabhängig von kultureller Herkunft oder Bildungsstand. Die Täter sind zumeist Männer (80 - 90 %). Es kommt aber auch vor, dass Frauen allein oder als Mittäterinnen Kinder sexuell missbrauchen, oder eine Mittäterschaft durch ein Nicht-Eingreifen oder Zulassen der Ereignisse gegeben ist.

Sexuelle Gewalt findet vor allem in der Familie und im Bekanntenkreis statt, aber auch im außerfamiliären Umfeld (etwa in der Schule oder im Freizeitbereich). Abgesehen von Fällen des Exhibitionismus und seltenen spektakulären Gewalttaten sind die Kinder überwiegend mit dem Täter bekannt oder sogar verwandt. Der sexuelle Missbrauch wird sozusagen „vorbereitet“ und entwickelt sich im Verlaufe einer längeren Zeitspanne. In der Regel erfolgen sexuelle Übergriffe durch eine vertraute Person über mehrere Monate oder Jahre hinweg.

Kinder sind besonders dann gefährdet, wenn mehrere der folgenden Faktoren für sie zutreffen:

  • emotionale Deprivation und soziale Isolation
  • Zuneigung zu dem Erwachsenen, der sie ausbeuten will
  • Anfälligkeit für Belohnungen, die der Erwachsene anbietet
  • Angst vor Strafen
  • körper- und sexualfeindliche Erziehung
  • mangelnde Information über körperliche und sexuelle Vorgänge
  • Gewohnheit, eigene Bedürfnisse zu Gunsten anderer - vor allem Erwachsener - zurückzustellen
  • Gewöhnung an die Missachtung der persönlichen Integrität
  • Erleben eigener Macht- und Hilflosigkeit in Beziehungen zu Erwachsenen

Die typische Reaktion auf sexuellen Missbrauch gibt es nicht. Eine eindeutige Möglichkeit, sexuellen Missbrauch festzustellen, ist vor allem durch die konkrete Aussage des betroffenen Kindes gegeben. Doch gerade diese eindeutige Aussage fehlt in den meisten Fällen. Denn häufig werden die Kinder über Wochen, Monate oder Jahre hinweg missbraucht, ohne dass sie darüber reden.

Will man den betroffenen Kindern helfen, ist man daher in den meisten Fällen darauf angewiesen, „sprachlose“ Zeichen, Signale oder Hinweise aufzunehmen und zu hinterfragen. Verhaltensauffälligkeiten, bestimmte Muster von Familienstrukturen und Interaktionen sowie körperliche Symptome können zusätzliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch sein.

Damit Mädchen und Jungen ihr Schweigen brechen können, sind in der Regel außenstehende Erwachsene notwendig, die ihre Signale erkennen, ihnen zuhören, Glauben schenken und Verständnis für ihre Gefühle und Handlungen haben.

Wer betroffenen Kindern helfen will, sollte die nachfolgenden Grundsätze NIE vergessen:

Kinder tragen niemals die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff.
Wenn Mädchen oder Jungen von sexuellen Übergriffen berichten, sollte man ihren Äußerungen immer Beachtung schenken.
Niemand kann ein Mädchen oder Jungen „aus Versehen“ missbrauchen.
Jedes Kind versucht, den sexuellen Missbrauch zu verhindern.
Alle betroffenen Mädchen und Jungen wehren sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den sexuellen Missbrauch.

Die Widerstandsformen geben der Umwelt Hinweise auf die Not von Mädchen und Jungen - auch wenn viele von ihnen ebenso andere Ursachen als sexuelle Gewalt haben können.

  • Nicole zieht sich nachts immer mehrere Hosen übereinander an und sichert den Reißverschluss mit Sicherheitsnadeln.
  • Jonas schwänzt immer den Sportunterricht, denn er hat Angst, dass der Lehrer ihn nochmals belästigt.
  • Tina baut abends all ihre Puppen vor die Tür bis zum Bett auf, damit es einen Knall gibt, wenn ihr großer Bruder das Zimmer betritt.
  • Natascha weint, wenn Tante Gertrud als Babysitter kommt.
  • Till mag plötzlich seinen Lieblingsopa nicht mehr besuchen und nässt ein, wenn die Eltern ihn gegen seinen Willen dorthin mitnehmen.
  • Seitdem Mamas neuer Freund mit im Haushalt wohnt, ist Lisa schon dreimal von zu Hause ausgerissen.

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2. Wie viele Kinder und Jugendliche werden sexuell missbraucht

Die Opfer sexueller Gewalt:

Etwa 75 % der kindlichen Opfer sind Mädchen. Es ist aber zu bedenken, dass es Jungen und männlichen Jugendlichen besonders schwer fällt, sich als Opfer zu offenbaren. Es ist also anzunehmen, dass die Dunkelziffer bei Jungen größer ist als bei Mädchen. Die meisten Opfer sind zwischen sieben und 13 Jahren alt, wobei der Beginn der Gewalt meistens im Alter zwischen sechs und zehn Jahren (42 %) liegt.

In erschreckend hohem Ausmaß sind schon Neugeborene bis Fünfjährige betroffen. Die Opfer verdrängen die Erfahrung sehr oft und sind erst viele Jahre später in der Lage, den Missbrauch aufzudecken.

In den letzten Jahren ist die Zahl der angezeigten Straftaten nahezu gleichbleibend. Bundesweit werden jährlich ca. 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch bei der Polizei angezeigt. (Nach der polizeilichen Kriminalstatistik der BRD für das Jahr 2006 gab es insgesamt 52.231 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung darunter waren immerhin 12.765 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern, die bei der Polizei angezeigt wurden (§176, 176a, 176b StGB).)

Es werden ca. 60 Missbrauchsfälle im Jahr in Gelsenkirchen angezeigt. Hierbei handelt es sich natürlich um das Hellfeld.
Es bleibt zu erwähnen, dass kein anderes Delikt ein derart großes Dunkelfeld hat wie der sexuelle Missbrauch.
Das Bundeskriminalamt schätzt, dass das Dunkelfeld ca. 15 Mal so hoch ist. Das bedeutet, dass man von 240.000 Fällen jährlich bundesweit ausgehen kann.

Wieder andere schätzen, dass auf eine angezeigte Straftat 20 nicht angezeigte Straftaten folgen oder aber, dass jedes 3.-5. Mädchen und jeder 10.- 15. Junge in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde.

Zu einer Gerichtsverhandlung kommt es nur in etwa jedem fünften Verfahren, meistens enden diese mit Freispruch bzw. Bewährungsstrafen. Es kommt jährlich zu ca. 2000 Verurteilungen wegen sexuellen Missbrauchs.

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3. Seelische Verletzungen und Reaktionen der Kinder

Sexuellen Missbrauch erleben Mädchen und Jungen als ein extremes, überflutendes Ereignis, dem sie nicht ausweichen können. Sie erleiden eine seelische Verletzung (Trauma) die mit Gefühlen der Angst, Erregung, Hilflosigkeit und eventuell auch mit körperlichen Schmerzen verbunden ist. Vor allem für sehr junge Opfer sexueller Gewalt ist es kaum möglich, das Geschehen zu begreifen. Ihnen fehlen die Sprache oder die entsprechenden Worte, um die Gewalterfahrungen zu benennen.

Viele sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen leiden unter psychosomatischen Beschwerden, Ängsten und starken Stimmungsschwankungen. Sie werden häufig in ganz alltäglichen Situationen plötzlich von Gefühlen „überflutet“: Von einem Augenblick zum anderen sind sie ohne ersichtlichen Anlass ängstlich, traurig, wütend oder sie schämen sich.

Ebenso typisches Folgeverhalten ist das Vermeiden von Aktivitäten oder Situationen, die Erinnerungen an die sexuellen Gewalterfahrungen hervorrufen. Ebenso leiden viele betroffene Mädchen und Jungen unter Ein- oder Durchschlafproblemen, Konzentrationsstörungen, chronischer Erschöpfung, einer übertriebenen Wachsamkeit, Schreckreaktionen, Reizbarkeit und Weinkrämpfen oder Wutausbrüchen, deren Heftigkeit nicht im Verhältnis zu der vermeintlichen Geringfügigkeit des Anlasses steht.

Kinder bringen ihre Gewalterfahrungen auf sehr unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck. Mädchen und Jungen im Vorschulalter drücken häufig ihre schmerzhaften Erinnerungen im Spiel aus, indem sie erlebte sexuelle Übergriffe nachspielen.

Rund 40 % der sexuell missbrauchten Kinder zeigen in ihrem Verhalten keine Auffälligkeiten. Bei den anderen ist die Ursache der Verhaltensauffälligkeiten nicht immer leicht zu erkennen, denn viele Signale können, müssen aber nicht sexuelle Gewalterfahrungen zur Ursache haben. Sie können auch auf andere Belastungen des Kindes hinweisen, beispielsweise auf andere körperliche Gewalterfahrungen oder familiäre Belastungen. Wichtig jedoch bleibt der Versuch, die Sprache des jeweiligen Kindes zu verstehen und Mitteilungsversuche nicht einfach zu ignorieren.

(Quelle: „Mutig fragen – besonnen handeln“, Broschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2002)

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4. Sexueller Missbrauch durch das Internet

Auch beim Umgang mit dem Internet können Kinder Gefahr laufen, sexualisiert oder Opfer von sexuellen Übergriffen zu werden. Nicht selten landen Kinder und Jugendliche bei ihren Surftrips durchs Internet mehr oder weniger zufällig in dessen so genannter Schmuddel-Ecke und werden so mit harter Pornografie konfrontiert. Auch in Chats (Online-Dialoge) besteht die Gefahr, dass Kinder verbal sexuell belästigt oder zu sexuellen Handlungen aufgefordert werden. Darüber hinaus können sie durch übermittelte Bilder oder Filme verstört, geschockt aber auch neugierig gemacht werden.

Einige Täter oder Täterinnen setzen darauf, dass Kinder alleine vor dem Bildschirm sitzen und nutzen das Internet, um mit diesen in Kontakt zu kommen. Zwar wissen Mädchen und Jungen in der Regel weitaus besser als Erwachsene, wie das Datennetz technisch zu bedienen ist, doch begegnen sie den Tätern im Netz völlig unvorbereitet und sind dadurch für deren Verführung besonders anfällig. Viele von ihnen kommen gar nicht auf die Idee, dass die Personenbeschreibung, die ihnen von ihrem Gegenüber im Internet übermittelt wird, gefälscht sein kann. Auch fällt der beim realen Kontakt natürliche Abstand zwischen einem Erwachsenen und einem Kind weg.
Mädchen und Jungen haben zudem keinen Eindruck von dem äußeren Erscheinungs bild ihres Dialogpartners. Die Kinder sitzen in ihrem vertrauten Umfeld am Computer und haben den Eindruck, selbst ein Stück Macht in der Hand zu halten, da sie den Kontakt durch Abschalten des Rechners jederzeit beenden können. Daraus ergibt sich ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, das zu einer größeren Bereitschaft führt, sich zu öffnen: Mädchen und Jungen geben oftmals völlig unbedarft Auskunft über ihre Lebensgewohnheiten und ihre Familie. Einige Täter nutzen diese Informationen, um sie später in der realen Welt leichter zu missbrauchen.

(Quelle: „Ratgeber gegen sexuellen Missbrauch“ herausgegeben vom Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie im Jahr 2003)

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